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Afghanistan: Das Überleben sichern

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Winterhilfe: Bei Minustemperaturen gegen den Hunger

Im Jahr 2018 hat es fast überall in Afghanistan zu wenig geregnet. Durch die extreme Dürre kam es zu massiven Ernteausfällen. Es konnte kaum Weizen geerntet werden, eine wichtige Nahrungsgrundlage für die Bevölkerung. Viehfutter und Trinkwasser werden immer knapper. Über drei Millionen Menschen - vor allem Bergbauern - hungern bei Temperaturen bis minus 25 Grad. Viele Familien sehen keinen anderen Ausweg, als die Heimat zu verlassen. Neben Nahrungsmittelhilfen zur Überbrückung versucht die Caritas durch den Bau von Brunnenanlagen langfristige Perspektiven zu schaffen.

Mutter mit Kind in Afghanistan"Wir haben aufgrund der Dürre nicht genug Wintervorräte anlegen können. Bis zum Frühling werden wir die Tiere verkaufen müssen, um uns Kartoffeln oder Reis zu kaufen", erzählt uns Amena Hussain. Sie ist Bäuerin im zentralen Hochland Afghanistans. Die Caritas unterstützt sie u.a. mit Lebensmitteln. Hier erfahren Sie ihre ganze Geschichte. Foto: Sybille Mani / Caritas internaitonal

Ivo Körner, Afghanistan-Experte bei Caritas international, schätzt die Situation der Menschen zwar als schwierig, dennoch nicht als hoffnungslos ein: "Die afghanische Bergbevölkerung ist hart im Nehmen. Doch der Hunger ist so brutal, dass viele von ihnen darüber nachdenken, Haus und Hof zu verkaufen, um irgendwie zu überleben. Hunderttausende sind bereits geflohen und leben in Zelten bei Minustemperaturen in der Provinz Herat. Der Hilfsbedarf ist riesig!"

Nothilfe und langfristige Perspektiven

Die Nothilfe, die Caritas international mit Partnerorganisationen vor allem in den Provinzen Ghor und Herat, leistet, erreicht vor allem die ärmsten Haushalte. Sie werden nicht nur finanziell beim Kauf von überlebensnotwendigen Nahrungsmitteln unterstützt, sondern erhalten auch Futtermittel für ihr Vieh und Schulungen zur Tierhaltung. Die Hilfen von Caritas international in der Provinz Herat werden vom Auswärtigen Amt finanziert.

Beim Bau der Brunnenanlagen wird die Bevölkerung aktiv eingebunden: Sie erhalten für ihre Arbeit einen Lohn (Cash-for-Work), mit dem sie wiederum Nahrungsmittel kaufen können. Jeder Brunnen versorgt etwa hundert Haushalte mit Trinkwasser. Betrieben werden sie mit Solarpumpen, so ist die Trinkwassergewinnung unabhängig von äußeren Einflüssen wie dem Stromnetz möglich.

Afghanistan: BrunnenbauHunderte Brunnen und Biosandfilter baute Caritas mit Unterstützung von Partnern.Foto: Caritas international

 
Einer, der von der Hilfe profitiert, ist Buman Kudabaksh aus dem Dorf Cheshme Padeshah: "Ich arbeite für Bauern in unserem Dorf und erhalte als Lohn ein Viertel ihrer Ernte. Doch dieses Jahr ist es so wenig, dass wir überlegen, unser Dorf zu verlassen." Der 39-Jährige hat selbst kein Land, aber ein paar Tiere, die Futter brauchen. "Zum Glück gibt uns die Caritas Tierfutter und ich kann etwas Geld hinzuverdienen beim Bau des Brunnens, der hier dringend benötigt wird", so Kudabaksh. Vielen Menschen, vor allem Bergbauern, bleibt oft nichts anderes übrig, als die Flucht.

Vater mit seinen Söhnen in der Provinz Ghor in AfghanistanBuman Kudabaksh lebt mit seinen Söhnen in Ghor. In der Provinz hungert mittlerweile jeder zweite Einwohner. Gemeinsam mit der lokalen Partnerorganisation CHA versorgt Caritas international 17.000 Personen mit Nothilfegütern und stellt den Zugang zu Trinkwasser durch Brunnenbau sicher.Foto: Sybille Mani / Caritas international

Weitere Caritas-Projekte für Menschen in Afghanistan

Neben der aktuellen Nothilfe während des kalten Winters, unterstützt Caritas international seit Jahrzehnten die Menschen in Afghanistan mit verschiedensten Maßnahmen:

Anfangs engagiert im Kampf gegen Lepra und Tuberkulose, setzten sich unsere lokalen Mitarbeiter nun vor allem für eine bessere Ernährung, Gesundheit, sauberes Trinkwasser, Bildung für alle, Schaffung von Jobs und für den Bau von Straßen und Brücken ein. Unsere Hilfen sind so vielfältig wie die Bedürfnisse der Menschen vor Ort. Hier sind einige Beispiele:

Einkommensmöglichkeiten schaffen

Da es oft an regulären Jobs aber auch an entsprechender beruflicher Ausbildung fehlt, werden in Kabul und Balch Kurse durchgeführt. Damit können diejenigen, die keine Arbeit finden, ein eigenes kleines Geschäft eröffnen, zum Beispiel mit Reparaturen von Mobiltelefonen.

Unterstützung für Menschen mit Behinderung

Der Anteil von Menschen mit Behinderung ist in Afghanistan sehr hoch, ihre Akzeptanz in der Gesellschaft jedoch gering. Durch Minen und Schusswaffen kommt es immer wieder zu schwerwiegenden Verletzungen. Die Betroffenen sind danach oft auf sich alleine gestellt. In einer Orthopädiewerkstatt in der Provinz Faryab erhalten sie Prothesen oder Hilfsmittel, die ihren Alltag erleichtern und ihnen die Möglichkeit geben, ohne größere Einschränkungen am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Außerdem gibt es psychotherapeutische Behandlungen. Zwei Rollstuhl-Basketballteams stärken das Selbstbewusstsein der Spielerinnen und Spieler und ermöglichen ihnen Teilhabe und soziale Kontakte.

Rollstuhlfahrer spielen BasketballDas Basketballeam der Rollstuhlfahrer aus Maimana trainiert im Innenhof der Orthopädischen Werkstatt. Foto: Thiessen / Caritas international

Psychosoziale Betreuung

Von traumatischen Erlebnisse durch den Krieg, wie der Verlust von Angehörigen und die Flucht kann fast jede Bewohnerin und jeder Bewohner Afghanistans berichten. In verschiedenen Flüchtlingssiedlungen findet daher psychosoziale Hilfe statt. Die Betroffenen werden angeregt, sich gegenseitig zu unterstützen und Verständnis füreinander aufzubringen. Denn durch die prekäre Situation in den Siedlungen kommt es immer wieder zu Konflikten zwischen Einheimischen, Flüchtlingen und Rückkehrern.

Bessere Ernährung

In 133 Gemeinden unterstützt Caritas die Ernährungssicherung der Menschen, die dabei aktiv eingebunden werden. Entweder erhalten sie für die Mitarbeit Bargeld (Cash-for-Work) oder Naturalien (Food-for-Work). Um die Situation langfristig zu verbessern, wurden Kurse zu landwirtschaftlichen Anbaumethoden, Hygiene und Ernährung, Tiergesundheit, Milchproduktion, Anlage von Hausgärten und Vermarktungsstrategien für die eigenen Produkte durchgeführt.

Trinkwasser und Hygiene

Mit Unterstützung des Auswärtigen Amts baute Caritas in der Provinz Daikundi hunderte Brunnen und Biosandfilter, durch die natürlich vorkommendes Wasser zu Trinkwasser aufbereitet wird. Mit der Einrichtung von Latrinen und durch Hygienetrainings konnten die Gesundheit und Lebensqualität der Bevölkerung massiv verbessert werden.

Gesundheitszentren für Tuberkulose- und Leprakranke

Frau mit Baby in einem WartesaalIm Wartesaal in einer der Caritas-Kliniken.Pieter-Jan De Pue

In schwer zugänglichen Gebieten in den Provinzen Balkh, Daykundi, Bamyan, Wardak, Ghazni und Ghor baute Caritas neun Kliniken für Lepra- und Tuberkulosepatienten. Die Bevölkerung wurde außerdem über die Zusammenhänge von Hygiene und Gesundheit aufgeklärt.

Bildung

Im Distrikt Scharistan und im Bezirk Aschterlay baute Caritas sieben Schulen für Mädchen. Die Schulen sind inzwischen an die lokalen Gemeinden sowie das afghanische Bildungsministerium übergeben worden. Damit ist zumindest ein Tabu aus den Zeiten der Taliban-Herrschaft überwunden; Mädchen und Frauen haben ein Recht auf Bildung.

Straßen- und Brückenbauprojekte

Mit lokalen Partnern in Daykuni wurden kilometerlange Passstraßen neu eingerichtet oder wiederhergestellt. An dem Projekt konnten sich auch Frauen beteiligen. In einer Werkstatt lernten sie Drahtkörbe zu flechten. Die Drahtgeflechte schützen die neuen Straßen wie auch Felder und Bewässerungskanäle vor Erosion.

 
Helfen Sie mit uns in Afghanistan! Die Menschen sind seit Jahrzehnten schuldlose Opfer kriegerischer und terroristischer Auseinandersetzungen. Wir sichern trotz schwieriger Sicherheitslage ihr Überleben. Jede Spende schenkt Leben und sendet eine Botschaft der Solidarität in die Bevölkerung, die vollkommen ausgezehrt und verzweifelt ist.

Zur Situation

Seit über 40 Jahren herrschen kriegerische Auseinandersetzungen, und immer wieder werden dabei Zivilisten getötet oder verletzt. Allein im Jahr 2016 wurden gemäß der Vereinten Nationen über 11.500 Menschen Opfer des Konflikts. Mehr als 1,5 Millionen Menschen sind Vertriebene im eigenen Land und suchen Schutz, aber auch grundlegende Lebensperspektiven. Dazu kommen Hunderttausende Rückkehrer aus Pakistan und dem Iran. Der Alltag der Bevölkerung ist von Armut und Entbehrung geprägt: Nur wenige Menschen haben ein geregeltes Einkommen, die Ernährung ist unzureichend, Straßen, soziale Einrichtungen, Wasser- und Stromversorgung sind vielerorts nicht vorhanden oder in einem schlechten Zustand. Die Mütter- und Kindersterblichkeit durch die fehlende Gesundheitsversorgung ist eine der höchsten weltweit. Hinzu kommt die harschen Klimabedingungen, deren Intensität durch den Klimawandel zugenommen hat. Im Jahr 2018 gab es in 20 von 34 Provinzen so wenig Niederschläge, dass es zu massiven Ernteausfällen kam und der Zugang zu Trinkwasser nicht mehr gesichert ist. Über drei Millionen Menschen, zumeist Bergbauern, hungern bei Temperaturen im Winter von bis zu -25 Grad minus.

Februar 2019

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Afghanistan: Praxis, Grundsätze und Perspektiven

Mit dieser Broschüre zieht Caritas international eine Zwischenbilanz über die seit 1984 andauernde Arbeit des Hilfswerks in Afghanistan.