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Indien: Bildung für entrechtete Kinder

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Schulmädchen im PortraitBildung statt Arbeit: Diese Mädchen wurden aus der Kinderarbeit befreit und gehen jetzt zur Schule.Bettina Taraki

Kinderarbeit ist in Indien noch immer sehr verbreitet: Mehr als zehn Millionen Kinder zwischen fünf und 14 Jahren sind von Kinderarbeit betroffen. Sie arbeiten in der Steingewinnung oder Landwirtschaft, werden in privaten Haushalten angestellt, sind Laufburschen oder Lumpensammler. Entweder arbeiten sie gemeinsam mit den Eltern oder sind alleine unterwegs, weil sie vor einem oft gewalttätigen Zuhause ausgerissen sind.

Obwohl die Gesetzgebung eindeutig ist und Kinderarbeit verbietet, dafür unentgeltliche Schulbildung zum Obligatorium erklärt hat, gehen viele Kinder, statt zur Schule, arbeiten. Einerseits ist es die Armut, die viele Familien dazu zwingt. Doch auch das fehlende Bewusstsein für Kinderrechte und Kinderschutz in der Bevölkerung, bei den Behörden und in der Politik führt dazu, dass das Gesetz vielerorts nur auf dem Papier existiert.

Netzwerke zum Schutz vor Kinderarbeit

Seit 2004 sorgt Caritas international für bessere Lebensbedingungen für arme Familien im Distrikt Darjeeling in Westbengalen. Mit Aufklärung, Schulunterricht für die Kinder, Elternarbeit und Gesundheitsversorgung konnte die Situation vor Ort deutlich verbessert werden.

Um die Kinder noch mehr vor Kinderarbeit schützen zu können, stellt Caritas in diesem Projekt die bisherigen Aktivitäten in einen größeren Kontext und baut die Zusammenarbeit mit der Regierung, den Behörden und der Bevölkerung aus. Ziel ist es, dass immer mehr Gemeinden ohne Kinderarbeit auskommen und die Behörden bei Rechtsverletzungen und strafbaren Handlungen aktiv werden. Dazu errichtet Caritas auf Gemeinde- und Distriktebene Kinderrechtsnetzwerke und Kinderschutz- und Kinderrechtskomitees, die eine beratende und kontrollierende Funktion innehaben und mit der Polizei zusammenarbeiten.

Für die Kinder selbst stehen Kinderclubs zur Verfügung, in denen sie sich erholen können, beraten werden oder Hilfe bekommen, zum Beispiel bei den Hausaufgaben. Hier lernen sie auch, für ihre Rechte selbst einzustehen.

Befreiung aus sklavereiähnlichen Verhältnissen

Weiter verstärkt Caritas ihre Interventionen für die Befreiung von Kindern aus sklavereiähnlichen Verhältnissen. In den letzten Jahren konnte die Partnerorganisation Bal Suraksha Abhiyan Trust (BSAT) 250 Kinder befreien. Darunter die achtjährige Sita, die von einer fremden Frau gefangen gehalten und zur Hausarbeit gezwungen wurde.

(Video: Sitas Geschichte und die anderer Kinder)

Das BSAT-Team brachte Sita im eigenen Kinderheim unter, die Frau wurde angezeigt und verhaftet. Vom Vater des Mädchens fehlt jede Spur. „Er soll als Fahrer arbeiten und viel unterwegs sein“, berichtet Schwester Subishna Tapa, Direktorin des Kinderheims. Nachdem Sitas Mutter gestorben war, hatte der Vater das Mädchen der Frau übergeben, die ihm versprach, sich um das Kind zu kümmern und es in die Schule zu schicken. In Wirklichkeit aber musste das Sita täglich viele Stunden harte körperliche Arbeit verrichten. Jetzt steht sie mit Hundert andere Kindern in frisch gebügelter Schuluniform und mit gepackten Schulranzen vor dem Children Rehabilitation Centre und besucht zum ersten Mal in ihrem Leben die Schule.

Zur Situation

Gemäß der Internationalen Arbeitsorganisation ILO gibt es in Indien rund 10,1 Millionen Kinder zwischen fünf und vierzehn Jahren, die arbeiten. Die Dunkelziffer liegt wohl weitaus höher. Im Bundesstaat Westbengalen gehen 1,2 Millionen Kinder einer Arbeit nach. Meist stammen sie aus ländlichen Regionen Bihars, Assams oder dem benachbarten Nepal. Sie verrichten Hilfsarbeiten in der Landwirtschaft oder in privaten Haushalten, sind Laufburschen, stellen Ziegel und Schotter her oder sammeln und sortieren Abfälle. Armut, Gewalt in der Familie und Sprachhindernisse führen dazu, dass viele Kinder, statt zur Schule zu gehen, arbeiten müssen. Die indische Verfassung aus dem Jahr 1950 verbietet die Beschäftigung von Kindern unter vierzehn Jahren in Minen und Fabriken. In Artikel 45 formuliert sie die Bestimmung der Einführung unentgeltlicher und obligatorischer Schulbildung. Daneben gibt es noch eine Reihe weiterer gesetzlicher Bestimmungen, die auf das Verbot und die Bekämpfung der Kinderarbeit abzielen, doch es mangelt es an deren Umsetzung.

 

Februar 2018