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Russland: Kinderzentrum Ostrowok - Ein Rückzugsraum

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Eingang des Kinderzentrums in St. PetersburgEingang des Kinderzentrums in St. Petersburg. Wenn die vielen Kinder zur Mittagszeit ankommen, ist es hier längst nicht mehr so ruhig.Foto: Philipp Spalek

Den ganzen Morgen liegt der Hinterhofeingang des Caritas-Kinderzentrums fast gespenstisch verlassen. Bis ab 13 Uhr Leben "in die Bude" kommt und die Eingangstür fast unentwegt auf- und zuschlägt. Nach und nach trudeln Kinder im Alter zwischen acht und sechzehn Jahren ein. Dann versammeln sich alle um den runden großen Esstisch und es wird gemeinsam Mittaggegessen.

"Alle Kinder, die zu uns kommen, haben auch ein Zuhause", sagt die Leiterin des Zentrums, Inna Lewina. "Unser Ziel ist nicht, die Kinder aus ihren Familien rauszuholen. Vielmehr geht es uns darum, die Familien so zu unterstützen, dass die soziale Situation sich für die Kinder in ihren Familien verbessert.

Eine Insel der Selbstverwirklichung

zwei Mädchen erledigen ihre Hausaufgaben im Kinderzentrum in St. PetersburgLärm, Probleme der Eltern oder kein Platz zuhause hindern die Kinder daran, sich auf die Schule vorzubereiten. Im Kinderzentrum kann sich sich Angelina (rechts) besser konzentrieren.Foto: Philipp Spalek

Das Zentrum Ostrowok - was auf Russisch "kleine Insel" bedeutet - befindet sich in der Altstadt St. Petersburgs. Anders als in vielen anderen europäischen Städten, gilt für St. Petersburg nicht, dass wer in der Innenstadt wohnt, nicht arm ist. Viele Wohnungen im Zentrum sind bis heute sogenannte "Kommunalkas" (Gemeinschaftswohnungen), in denen ganze Familien nur ein einziges Zimmer gemietet haben.

Etwa die Hälfte der Kinder, die derzeit ins Zentrum kommen, leben in einer solchen Gemeinschaftswohnung. Das bringt verschiedene soziale Probleme mit sich. Das Umfeld ist nicht immer kindgerecht. Wenn beispielsweise ein Nachbar aus einem anderen Zimmer Alkoholiker ist, müssen auch die benachbarten Familien darunter leiden.

gemeinschaftlich kreativ seinGemeinschaftlich kreativ sein fördert nicht nur die soziale Kompetenz, sondern stärkt auch das Selbstwertgefühl.Foto: Philipp Spalek

Die extrem beengten Verhältnisse führen außerdem zu sozialen Spannungen unter den Bewohnern, die nicht selten in tätliche Auseinandersetzungen münden.

Das Kinderzentrum der Caritas bietet Kindern aus sozial schwierigen Familien einen Rückzugsort. "Hier fühlen sich die Kinder beschützt. Hier wird mit ihnen gesprochen, hier freut man sich auf sie", sagt Leiterin Inna Lewina. Die Sozialarbeiterin Swetlana Seleznewa kennt die Situation der Kinder sehr gut. "Früher habe ich mit Kindern gearbeitet, die auf der Straße gelebt haben. Fast alle bekommen zu Hause zu wenig Aufmerksamkeit. Bei uns kriegen sie sie."

Einbezug des sozialen Umfelds

Das Ostrowok bietet einen sicheren Rückzugsraum und sucht auch den Kontakt zu Lehrern und anderen Behörden. Jeden Donnerstagabend findet eine Art Selbsthilfegruppe für Eltern statt, wo sie sich unter Anleitung über Erziehungsprobleme und andere Sorgen austauschen können. Außerdem bietet das Ostrowok einmal im Monat ein Elternseminar an. Themen sind Erziehungsfragen, Pubertät, einer altersgerechte Mediennutzung. Bei diesen Treffen kommen die Sozialarbeiterinnen mit den Eltern auch über andere Themen ins Gespräch und können wichtige Hilfestellungen geben.

Zwischen Spiel und Routinen - ein Tag in der "kleinen Insel"

Caritas St. Petersburg: Teezeit im KinderzentrumEinfache Routinen geben den Kindern die Strukturen, die ihnen im Altag fehlen.Foto: Philipp Spalek

Nach dem Essen werden Hausaufgaben gemacht, danach ist freie Spielzeit, drinnen und draußen. Einmal die Woche findet eine Gitarrenstunde statt, an der immer mehr Kinder teilnehmen wollen als in den dafür vorgesehenen Raum passen. Um 17 Uhr gibt es Tee, das vergessen selbst die Kinder, die draußen spielen, nie. Einerseits weil in manchen Familien zuweilen das Essen knapp ist. Andererseits freuen sie sich auf gemeinschaftliche Zeit, die zuhause oft zu kurz kommt. "Bei uns gibt es jeden Tag um die gleiche Zeit Mittagessen, um die gleiche Zeit Tee, diese Struktur haben die Kinder zu Hause nicht", so Inna Lewina.

Die 15 jährige Angelina kommt seit vier Jahren ins Zentrum. "Vorher", sagt sie, "hatte ich überhaupt keine Freunde. Aber seit ich hier bin, habe ich viele Freunde." Aufgrund ihrer Verhaltensauffälligkeiten und fehlender sozialer Kompetenzen werden Kinder und Jugendliche aus sehr armen Familien in den Schulen oft ausgegrenzt und diskriminiert. Außerdem prägt die Armut häufig das Selbstwertgefühl dieser Kinder.

Dieses Selbstbewusstsein möchten die Sozialarbeiterinnen des Ostrowoks stärken. Inna Lewina freut sich über jede positive Veränderung, die sie bei ihren Schützlingen mit den Jahren ausmachen kann. Und dass es im Ostrowok ab 13 Uhr alles andere als ruhig zugeht, stört sie nicht. "Ich mag es, wenn es lebendig zugeht. Und bei uns ist immer was los."

Juni 2018

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