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Marokko: Minderjährige haben Rechte

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"Rund 10 bis 15 Prozent der in Marokko neu ankommenden Migranten aus Subsahara-Afrika suchen Hilfe in den Caritas-Zentren". Das schätzt Edouard Danjoy, Direktor der Caritas Rabat. Über die Zahl der Migranten, die ohne legale Papiere in Marokko leben, gibt es keine verlässlichen Angaben. Jedoch: Jeder zehnte Neuankömmling in Marokko ist inzwischen minderjährig und ohne Begleitung der Eltern oder eines Erziehungsberechtigten unterwegs.

Marokko: Unbegleitete Minderhjährige Flüchtlinge - RabatUnbegleitete Minderjährige werden Freunde - im Caritas Migrationszentrum in Rabat.Hermann Kenfack / Caritas international

Mehr als die Hälfte der Minderjährigen hat sich aus eigenen Stücken auf die Wanderschaft begeben. Der 16-jährige Didier aus der Elfenbeinküste kam wegen des Fußballs nach Marokko. Der sechszehnjährige Albert machte sich als Zehnjähriger auf den Weg, als eines von tausenden Straßenkindern aus Kinshasa, der Hauptstadt der DR Kongo.

Der heute vierzehnjährige Malik aus Mali lebte versteckt in den Wäldern bei Nador, einem Städtchen unweit der spanischen Exklave Melilla an der Mittelmeerküste Marokkos. Hier hatte Malik ein halbes Jahr auf den richtigen Moment zur Flucht über die Sperranlagen gewartet, sieben Meter hohe, streng bewachte Grenzzäune mit Stacheldraht. Inzwischen hat er im Caritas Zentrum in Rabat  einen sicheren Ort gefunden und nimmt am Unterricht teil, den die Caritas Mitarbeiter anbieten. "Ich will mein Diplom hier machen und danach in Europa arbeiten", erklärt er seinen neuen Plan. "Mein großer Traum ist, Koch zu werden und Hip-Hop-Künstler."

Helfende Hände

UnterrichtssituationUnbegleitete Minderjährige  im Migrationszentrum in Rabat.Hermann Kenfack / Caritas international

Von 2013 bis 2016 hat die Caritas in den drei Migrationszentren in Rabat, Casablanca und Tanger rund 12.000 Migranten begleitet. Das Caritas-Migrationszentrum in Rabat wurde bereits 2005 gegründet. Dreißig haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beraten knapp  4.000 Flüchtlinge und Migranten im Jahr, darunter mehr als 200 unbegleitete Minderjährige. Tendenz steigend. Ihre Bildungschancen sind gering, und die Integration in eine marokkanische Schule ist ein wichtiger Baustein in ihre Zukunft. Die Schulkinder in Rabat und Tanger erhalten an den Schultagen eine Mahlzeit.

Jackson stammt aus Kamerun. Anderthalb Jahre lang versuchte er erfolglos, die Sperranlagen nach Melilla zu überwinden. Verletzt und demoralisiert kam er in die Provinzstadt Meknes. Der katholische Priester "gab mir meine Würde zurück", erzählt er. "Er lud mich ein, bei ihm zu duschen und gab mir eine Matratze zum Schlafen." Inzwischen arbeitet der 28-Jährige als Ehrenamtlicher bei der Caritas und begleitet rund zwanzig unbegleitete Minderjährige.

Behördengänge gemeinsam meistern

Die Hilfsangebote richten die Caritas-Mitarbeitenden nach den Bedürfnissen ihrer jungen Klienten aus: Unbegleiteten Minderjährigen helfen die Zentren vor allem bei Behördengängen und der Beantragung ihrer Aufenthaltsgenehmigung. Nur so können sie im staatlichen Bildungswesen einen Schulabschluss und eine qualifizierte Berufsausbildung machen. Die Aufenthaltsgenehmigung ist der Dreh- und Angelpunkt für ihre weiteren Perspektiven.

In Rabat werden Arabischkurse für unbegleitete Minderjährige angeboten. Die Lehrerin ist Marokkanerin. Sie arbeitet für den Verein AGDAL und wird vom Migrationsministerium bezahlt. Eine zumindest befristete Aufenthaltsgenehmigung ist die Voraussetzung für die Jugendlichen, dass sie diese Arabisch- und Französisch-Sprachkurse besuchen dürfen. Ihr Ziel ist es, ihren Schulabschluss und eine Berufsausbildung zu machen.

Die unbegleiteten minderjährigen Migrantinnen und Migranten sind bei ihrer Ankunft in Marokko zwischen 13 und 17 Jahre alt. Sie sprechen mindestens zwei Sprachen, meist Französisch und eine lokale Sprache. Sie sind im Internet und auf Facebook unterwegs. Sie haben einen gemeinsamen Traum: studieren, arbeiten und Geld verdienen in Europa. Irgendwann wollen sie auch in ihre Heimat zurück, aber niemals mit leeren Händen.

Auch der 16-jährige Albert aus Kinshasa nimmt regelmäßig am Unterricht und den Freizeitangeboten für unbegleitete Minderjährige im Caritas-Zentrum in Rabat teil. "Ich wollte schon immer ein großer Comic-Zeichner werden", antwortet Albert auf die Frage nach seinen Träumen von der Zukunft: "Ich möchte vor allem die Technik lernen, wie man Menschen in Bewegung darstellt."

Rechte gewährleisten - Schutz ermöglichen

"Wir versuchen jedem Migranten hier klar zu machen, dass seine Talente und seine beruflichen Qualifikationen dahin schwinden, wenn er sein Leben hier nur mit Warten verbringt", sagt Blaise Mayemba, Präsident von APIMA (Association pour la promotion et l’intégration de migrants au Maroc).

Die Gesetzeslage in Marokko ist eindeutig und gewährt ausreichend Schutz für Minderjährige in Notlagen. Die neu eingeführten Migrationsgesetze in Marokko gewähren Schutz für besonders gefährdete Gruppen, darunter unbegleitete Minderjährige. Marokko hat die UN-Kinderrechtskonvention ratifiziert und im nationalen Kinder- und Jugendrecht umgesetzt. Sehr viel dringlicher als Gesetzesänderungen ist somit die Umsetzung der bestehenden Regelungen.

Aktivitäten der Caritas Marokko zur Sensibilisierung in den Ämtern und vor Gerichten führen schrittweise zu einer Verbesserung der Abläufe. Ausgehend von den Zentren der Caritas in Tanger und Casablanca hat die Caritas kontinuierlich auf die notwendige Ausstellung von Geburtsurkunden für in Marokko geborene Kinder durch die zuständigen Behörden hingewiesen. Im Rahmen der Mitarbeit der Caritas Marokko in der Nationalen Plattform zum Schutz von Migranten (PNPM) hat die Caritas umfassend zur Berichterstattung an den nationalen Menschenrechtsrat beigetragen, in dem auf die prekäre Situation unbegleiteter minderjähriger Migranten hingewiesen wurde.

2015 betreute die Caritas in Marokko rund 300 unbegleitete Minderjährige aus Guinea Conakry, Guinea Bissau, Kamerun, Mali, Elfenbeinküste, Kongo und vielen anderen Ländern West- und Zentralafrikas.

Das Gesamtbudget für das Programm Quantana beläuft sich in 2016 auf über 1,1 Millionen Euro. Die Gesamtfinanzierung wird durch die Schweizer Kooperation (DCI), Caritas Spanien, Caritas Frankreich, Caritas Italien  und Manos Unidas, Misereor sowie einer franziskanischen Schwesternkongregation sichergestellt. Caritas international, das Hilfswerk des Deutschen Caritasverbandes, unterstützt die Hilfsprojekte der Caritas in Marokko für Migrantinnen und Migranten derzeit mit 460.000 Euro.

Juli 2016