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Kenia: Selbsthilfe von und für Frauen

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Eine Frau beim Räuchern von FischJetzt verdient sie ihr Geld mit dem Räuchern von FischCaritas international

Sie gehören nicht zu der Gruppe von Bedürftigen, die jeden Tag bei der Diözese auf der Matte stehen: Frauen von 16 bis über 60 Jahren, die in der Prostitution ein Auskommen finden, und daraus aussteigen wollen. Da die Prostitution zwar weit verbreitet, zugleich aber illegal ist, Prostituierte stigmatisiert werden und ihre Armut als selbstverschuldet gilt, erhalten Sexarbeiterinnen praktisch keinerlei Unterstützung von sozialen staatlichen Dienststellen. In der Großstadt Nakurufinden Selbsthilfegruppen von Sexarbeiterinnen großen Zulauf.

"Alles braucht seine Zeit, das hat schon Oluwole Soyinka, der große nigerianische Schriftsteller in seinem Roman so geschrieben", resümiert Mary K., die seit 2001 auf dem Markt von Nakuru Getreide und Bohnen verkauft. Die Diözese hatte ihr das Startgeld vorfinanziert, buchhalterisches Wissen vermittelt und Mut gemacht. Seit 2001 beinhaltet das Sozialprogramm der Diözese Nakuru ein Projekt, das Frauen den Ausstieg aus der Prostitution erleichtert.

Nakuru, Kenia: Ehemalige Sexarbeiterinnen organisieren sich in Selbsthilfegruppen und machen eine Kehrtwende. Sie kämpfen um ihre Würde und beraten junge Frauen, die aus dem Geschäft aussteigen wollen.

Der Ausstieg passiert nicht immer von jetzt auf nachher. Wer vorher für nur eine Stunde "Arbeit" fünf Euro auf die Hand bekam (mit dem Risiko, die eigene Gesundheit aufs Spiel zu setzen und sich demütigen zu lassen) - und nun ein kleines Straßengeschäft aufbaut, das nicht mehr als drei bis zehn Euro am Tag abwirft, braucht langen Atem. Mary hat ihr Geld nachts in den Bars der Stadt verdient. Eine Freundin habe sie mitgenommen, und aus einer frustrierten Stimmung heraus, weil sie trotz abgeschlossener Schule über Monate keine Arbeit fand, ist sie mal so mitgegangen, damals noch ziemlich unwissend. Aus einmal Zuschauen wurden zwei Jahre Sexarbeit. Ihre Mutter konnte die Schulgebühren des letzten Semesters nicht zahlen, doch ohne beglichene Rechnung wird kein Zeugnis ausgehändigt, ohne Zeugnis versagt jede Bewerbung. Da die schwerkranke Mutter Medizin brauchte, Marys Kind hungrig aufwuchs und der Vermieter jeden Monat mit der Kündigung drohte, sicherte Mary von der Nachtarbeit in den Bars zwei Jahre lang das Überleben ihrer Familie.

Gemeinsam aussteigen

Die Mitglieder der Frauengruppen ehemaliger Sexarbeiterinnen unterstützen sich in vielerlei Hinsicht: Sie stärken sich den Rücken, betreuen kranke Mitglieder, sorgen für psychologische Beratung oder Kinderbetreuung und tauschen Erfahrungen über ihre Probleme zum Beispiel mit Krankheiten aus. Sie beraten sich gegenseitig - und erhalten von der Diözese Nakuru professionelle Beratung. Zum Beispiel darüber, wie sie andere Formen des Einkommens realisieren können: Buchhaltung und Behördengänge, Existenzgründungszuschuss und Mikrokredit, Kinderversorgung und medizinische Vorsorge - die großen Themen sind in allen 16 Frauengruppen gleich. In Workshops werden von der Diözese einzelne Vereinsleiterinnen geschult, um die Gruppe als Gruppe gut zu organisieren. Zudem steht das Angebot regelmäßiger psychologischer Betreuung und psychosozialer Begleitung für derzeit zehn Frauengruppen.

Was die einzelnen Mitglieder brauchen, um wieder Würde und Ansehen, Selbstachtung und Mut für eine Zukunft ohne Prostitution zu erfahren, ist sehr unterschiedlich. Doch für alle ist die Ankerkennung als gleichwertige Mitglieder der Gesellschaft, die Kinder erziehen, Männer versorgen und Alte pflegen, unverzichtbare Voraussetzung dafür, dass sie auch ökonomisch aktiv werden können. Denn nur, wer nicht diskriminiert wird, kann ein kleines Geschäft oder einen Marktstand erfolgreich führen und zahlende Kundschaft binden.

Daher unterstützt die Diözese Nakuru seit 2001 in der Provinz Selbsthilfe- und Frauengruppen ehemaliger Sexarbeiterinnen. Bisher konnten 565 Frauen mit der Unterstützung des Programms aus der Prostitution aussteigen - nur rund zwei Prozent haben es nicht geschafft. Derzeit profitieren 169 Frauen von der sozialen Betreuung durch die Diözese, sieben ältere und zehn neue Gruppen.   [ Reportage über die Young Women Success Group Brot und Fisch, Milch und schöne Kleider... ]

Viele der betroffenen Frauen sind HIV positiv. Eine Studie belegt, dass in Kenia 8,8 Prozent aller Frauen zwischen 15 und 49 Jahren mit dem HI-Virus infiziert sind. 65 Prozent aller Personen in Kenia, die sich freiwillig testen lassen und ein positives Ergebnis erhielten, sind Frauen. Einige Geistliche und andere Führungspersonen plädieren in Kenia inzwischen öffentlich dafür, über HIV/AIDS und über Prostitution nicht länger zu schweigen. Sexarbeiterinnen sollten in den Kirchengemeinden willkommen geheißen werden. Tatsächlich haben viele Mitglieder der Frauengruppen den Weg dorthin über die Kirche gefunden, sind von Nachbarinnen oder Freundinnen dorthin mithingenommen worden. Insofern sind pastorale Gruppen und Treffen ein wichtiger Faktor des Projektes.

Frauen der Young Success Women Group auf einem BotFrauen der Young Success Women Group beim TeambuildingMartina Backes / Caritas international

Seelsorge und Sensibilisierung

Das Projekt unterstützt die Frauen und Frauengruppen dabei, einen Plan für erfolgreiche Ausstiegsprojekte zu erstellen. Die Gruppen lernen, mit Mikrokrediten eigene ökonomische Aktivitäten - als Gruppe oder auch Einzelperson - zu entwickeln. Da es nicht die einhundertste Näherin und den dreißigsten Schönheitssalon in dem gleichen Stadtteil braucht, sind verschiedene kleine innovative Geschäftsideen gefragt. Zudem werden in den Kursen und Workshops Themen wie Drogenausstieg,  Familienrecht, Menschenrechte und Verhaltensänderung besprochen, alles nach einem professionellen Plan.

Die Kinder von Frauen, die ihren Körper verkauften, leiden oftmals ebenso sehr unter Stigmatisierungen wie ihre Mütter. Daher geht es in dem Projekt auch um sie. Umso hilfreicher ist die Zusammenarbeit mit dem Kinderbüro von der Child Welfare Society. 

Über Prostitution sprechen lernen

Frauen, die erfolgreich aus dem Prostitutionsgeschäft ausgestiegen sind und eine eigene Existenz gegründet haben, werden für die Sensibilisierung von Jugendlichen und jungen Frauen zum Thema Geschlechtskrankheiten und Schutz vor HIV und Aids ausgebildet. Sie machen Hausbesuche, gehen in Schulen oder informieren auf öffentlichen Veranstaltungen. Manche erzählen aus ihrem ganz privaten Leben. Andere werden in der Seelsorge weitergebildet und begleiten andere Frauen. So wurden in einem halben Jahr 5.600 Schüler und Schülerinnen in sechs Sekundarschulen, 3.300 junge Menschen auf zwei Universitäten und 2.850 Grundschüler/innen über die Gefahren und Umstände der Sexarbeit aufgeklärt und mit ihnen über die Gefahren des sexuellen Übergriffs und von Drogenabhängigkeit gesprochen. Auch wurden in dem gleichen Zeitraum 50 weitere geistliche Führungspersonen dafür gewonnen, offen über das Thema in ihren Gemeinden zu sprechen. Wichtig ist das, weil das tabubehaftete Thema Prostitution nur dann in den Griff zu bekommen ist, wenn eine Sprache und Wege gefunden werden, über die Hintergründe und Ausstiegschancen zu sprechen - statt mit Vorurteilen zu schweigen.

Die Gesellschaft diskriminiert immer nur eine von zwei Personen, die in die Prostitution verwickelt sind - die Frau. Da sich Prostitution nicht ohne Männer abspielt, wendet sich das Programm zur Rehabilitation von Sexarbeiterinnen auch an sie: Rollenbilder, Machtverhältnisse, geteilte Verantwortlichkeiten sind Themen, über die nicht geschwiegen wird. Insbesondere in der Gesundheitsvorsorge ist ohne die aktive Teilnahme und Einbeziehung der Männer langfristig keine Änderung in Sicht.

Das Diözesen-Radio mit dem Namen Amani (Frieden), das mehr als zwei Millionen Hörerinnen und Hörer erreicht, strahlte im letzten halben Jahr 12 Radiosendungen  über die Aktivitäten und den Erfolg der Frauengruppen für ehemalige Sexarbeiterinnen aus. Damit wurden weitere Frauen auf das Programm aufmerksam. Zugleich wird das Schweigen über ein verbreitetes Problem gebrochen - ein erster Schritt für die Reintegration und Akzeptanz der Frauen.

Februar 2017