Alle Projekte

Uganda: Gewaltfrei für den häuslichen Frieden

  • Projekt

Die Region im Norden Ugandas weist die höchste Rate an häuslicher Gewalt, Alkoholmissbrauch und steigende Selbstmordraten auf. Das stellte jüngst eine Demografische Gesundheitsstudie in Uganda fest (Demographic and Health Survey DHS). Demnach haben Zweidrittel der Frauen im Alter zwischen 15 und 49 Jahren emotionale, sexuelle oder physische Gewalt erfahren.

Viele Menschen in Norduganda haben schon während der Kriegswirren zwischen der LRA (Lord’s Resistance Army) und den Regierungstruppen gröbste Gewalt erfahren. Diese Erfahrungen wirken in der Nachkriegsgesellschaft fort, denn viele Menschen haben Flucht und Vertreibung erlebt und überlebt. Und die traumatisierenden Erlebnisse des Krieges prägen neben der verbreiteten Armut auch das heutige Leben.

Zudem leidet der Norden Ugandas an einer schwachen Infrastruktur. Schulen und Krankenhäuser sowie Straßen und die Versorgung mit Wasser und Strom sind unzureichend und verursachen Stress und Unsicherheit in den Familien. So verwundert es kaum, dass die Region hohe Zahlen an HIV  und Aids-Erkrankten verzeichnet. Auch leiden viele Kinder und Jugendlichen an der sogenannten Nickkrankheit.

Frauen spielen TheaterDie Frauen spielen Theater - ihre Szene steht zur Diskussion: So sensibilisiert die Caritas Gulu für eine gewaltfreie Kommunikation.Phillip Spalek

 Landkonflikte und knappe Güter

Hinzu kommen Landstreitigkeiten, nicht nur zwischen den Acholi, die nach jahrelanger Flucht oder einem Leben in Flüchtlingscamps in ihre Dörfer zurückgekehrt sind. Auch zwischen der Regierung und der Bevölkerung spielen die Landstreitigkeiten eine Rolle. Mechanismen der Konfliktlösung innerhalb der Gemeinden funktionieren kaum mehr.

Diese vielfältigen Probleme führen zu einer hohen Belastung innerhalb der Familien. Viele Familien sehen die Gründe für häusliche Gewalt in der großen Armut und Perspektivlosigkeit sowie in den Landkonflikten. Häusliche Gewalt existiert in fast allen Familien, oftmals zwischen den Ehepartnern oder gegen die Kinder gerichtet. Es trifft vor allem Kinder, die nicht bei ihren leiblichen Eltern leben. Zwar greifen sowohl Männer als auch Frauen zu körperlicher Gewalt, häufiger jedoch sind Frauen und Kinder die Betroffenen.

Eine Unterscheidung zwischen Opfer und Täter ist in einer von Gewalt geprägten Gesellschaft oftmals schwierig. Doch alle können lernen, wie man Probleme anders löst, gewaltfrei kommuniziert, Versöhnung vorbereitet. Eine von Gewalt traumatisierte Gesellschaft braucht professionelle Unterstützung, um gegen Gewalt vorzugehen.

Frauen schauen konzentriert einer Theatergruppe zuWenn die Theatergruppe ihr Stück spielt, sind die Frauen auf dem Dorf berührt. Anschließend diskutieren die Theaterleute mit den Bewohnerinnen über Lösungen gegen häusliche Gewalt.Philipp Spalek

Frieden schaffen

Die Caritas Gulu nimmt sich Opfern häuslicher Gewalt in acht Dörfern der Bezirke Pajule und Angagura an. Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ermöglichen neben einer medizinischen Betreuung auch rechtliche und psychosoziale Beratung. Fachpersonal mit dem entsprechenden medizinischen und auch rechtlichen Hintergrund begleitet Familien, in denen es zu Streitfällen kam. Regelmäßig besuchen sie die Familien, um mit den Betroffenen, Opfern wie Tätern, zu sprechen. Wenn traditionelle Konfliktlösungsarbeit nicht  fruchtet oder erneut Gewalt ausgeübt wird, kann sich das Opfer an die Caritas Gulu wenden. Sie berät die Opfer zu den verschiedenen rechtlichen Schritten und begleitet die Personen.

Aber nicht nur die Familien in den Dörfern selbst spielen eine wichtige Rolle. Ob Polizei, Gemeindeverwalter, Gesundheitspersonal oder Radiosender: Alle sind in ihrer jeweiligen Position daran beteiligt, wenn es um den Umgang mit Gewalt und um Prävention geht. Daher werden 32 Dorfbewohner/innen und 26 Beamte und Beamtinnen aus den Bereichen Gesundheit, Polizei und Kommunalbehörde von den Mitarbeitern der Caritas Gulu geschult. Auch werden lokale Mediatoren und Multiplikatoren ausgebildet. Sie lernen, wie Opfer angesprochen werden, welche Rechte sie haben und wie präventiv gegen Gewalt vorgegangen werden kann. Die Betroffenen werden dann mit deren Unterstützung über ihre Rechte aufgeklärt, denn auch das Wissen darum ist wichtig, wenn die Gesellschaft gegen Gewalt vorgehen will. So wird mit der Zeit ein dorf- und familienbasiertes Beratungsangebot geschaffen. Auch werden die medizinische Betreuung von Gewaltopfern und die damit verbundenen Kosten einer Behandlung, ob stationär oder ambulant, übernommen.

Konflikte gewaltfrei austragen

Sogar auf den monatlichen Dorfversammlungen geht es um Gewalt und um Konfliktlösungen: In freien Theaterspielen stellen die Dorfbewohner/innen in konkreten Szenarien häusliche Gewalt und deren Konflikte zur Diskussion und zeigen auf, wer sich wann und wie hätte anders verhalten können, um eine Eskalation zu verhindern. Die Zuschauer/innen sind aufgefordert, sich an dem Gespräch zu beteiligen. So können Kinder, Frauen und Männer erste Erfahrungen sammeln, wie sie Konflikte besser bearbeiten oder nach Lösungen suchen können, wo sie Hilfe organisieren und an wen sie sich wenden können.

Kleine Radio-Talkshows und Radio-Spots erreichen die Menschen auch außerhalb der  acht Dörfer des Projektgebietes. Plakate mit aufklärenden Botschaften für ein gewaltfreies Zusammenleben werden an die Familien verteilt und an öffentlichen Gebäuden ausgehängt. Der Internationale Tag zur Beseitigung der Gewalt an Frauen (25. November) und die darauf folgenden 16 Tage werden für Kampagnen genutzt. Ein Erfahrungsaustausch mit anderen Projekten gegen häusliche Gewalt erleichtert zudem das Schmieden von Bündnissen für eine gezielte Lobbyarbeit.

Da fehlende ökonomische Perspektiven oft Teil des Gewaltproblems sind, gewährt die Caritas  Kleinkredite für vier Dorfgruppen für je 30 Personen. Eine Gesamtsumme von knapp 1.000 Euro wird jeder Spargruppe zur Verfügung gestellt, die dann wirtschaftliche Aktivitäten für ihre einzelnen Mitglieder anfinanziert. Nach einem Jahr muss jedes Mitglied die geliehene Menge Geld und einen kleinen Zinssatz an das Projekt zurückbezahlt haben. Aus dem so entstandenen Mehrkapital sollen im  zweiten Jahr neue Mitglieder einen Kleinstkredit erhalten. Die Spargruppen treffen sich einmal wöchentlich und werden durch einen Sozialarbeiter der Caritas Gulu betreut.

Dezember 2018