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Geschützte Räume jenseits der Straße schaffen

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Schlafende Kinder umgeben von MüllViele der Kinder wohnen unter elenden BedingungenCaritas international

Die folgende Projektbeschreibung bezieht sich auf die Arbeit der Caritas bis zum offenen Ausbruch der militärischen Auseinandersetzungen. Inzwischen musste das Kinderzentrum in Donetsk geschlossen werden. Die Arbeit mit Straßenkindern aber wird in anderen Städten der Ukraine weitergeführt.

November 2014


Die Industriestadt Donetsk liegt im Osten der Ukraine. Fünf mal pro Woche wird der Kleinbus der mobilen Straßenkinderstation an fünf Haltestellen in der Stadt mittags von Kindern und Jugendlichen belagert. Einmal fährt er nachts die Treffpunkte an. 78 Straßenkinder im Alter von zehn bis 17 Jahren betreut die Caritas in der Industriestadt regelmäßig. Die Mitarbeitenden verteilen Mahlzeiten und gebrauchte Kleidung, ein Arzt versorgt Wunden und gibt Vitaminpräparate aus. Doch der Bus ist mehr als das: Er ist eine Schnittstelle zwischen der Straße und dem "normalen" Leben. Das Angebot der Caritas-Mitarbeiter umfasst neben rechtlichem Beistand auch Freizeitaktivitäten, wie zum Beispiel ein Ferienlager im Sommer.

Viele Straßenkinder leben in der Kanalisation oder in den Kellern heruntergekommener Wohnsiedlungen. Die Heizungsrohre dort machen die Temperaturen im Winter einigermaßen erträglich. Um Kopf und Schmerzen zu betäuben, schnüffeln viele Kinder und Jugendliche Klebstoff - eine billige und leicht erhältliche, aber hochgiftige Droge. Über Wasser halten sich die Kinder meist durch Betteln, Diebstähle und Prostitution. Etwa 10 Prozent von ihnen haben nie eine Schule besucht.  

Ambulant und mobil - wenn Kinder Unterstützung brauchen

Ziel der Straßenkinderprojekte ist es, die Heranwachsenden von der Straße zu holen - und  wenn möglich zu vermeiden, dass sie überhaupt dort landen. Das Konzept der Caritas umfasst dabei ambulante Hilfen in mobilen Anlaufstationen, intensive Betreuung in Straßenkinderzentren, Unterstützung der Kinder in staatlichen Heimen sowie Beratung und Hilfen für die Familien.

Die Caritas in Donetsk schließt mit jedem Kind einen Sozialvertrag ab. Darin sind die verbindlichen Leistungen und Pflichten beider Seiten festgelegt. Auf diese Weise lernen die Heranwachsenden, Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen. Zudem erfahren sie, dass sie sich auf die Mobilstation verlassen können. Ein Gefühl, das viele der Kinder bislang kaum kennen gelernt haben. Das schafft Vertrauen und eine Basis für die Zukunft. 

Inzwischen sind in der Ukraine fünf mobile Jugendsozialteams unterwegs und betreuen 141 Kinder, die auf der Straße leben.

Betreuung von Heimkindern

Die Caritas in Donetsk unterstützt zudem Straßenkinder, die vom Jugendamt in ein Übergangsheim eingewiesen wurden. Die Betreuung in den staatlichen Heimen ist äußerst schlecht. Pädagogische Arbeit findet nicht statt. Doch sind die Heranwachsenden hier immerhin mit dem Notwendigsten versorgt und können die Schule besuchen.

Die Mitarbeitenden der Caritas Donetsk kommen zweimal pro Woche für jeweils sieben Stunden ins Heim und beschäftigen sich mit den Kindern: Sie spielen mit ihnen, machen Sport und organisieren Feste. Darüber hinaus bieten sie aber auch die Möglichkeit zu Einzelgesprächen und zur Beschäftigungstherapie. Nicht zuletzt informieren sie, wenn möglich, die Eltern darüber, dass ihr Kind im Heim ist. Und sie begleiten die Kinder bei der Kontaktaufnahme mit ihren Familien, denn häufig ist dies eine seelisch sehr belastende Begegnung.

Anlaufstellen für Kinder aus Krisenfamilien

Der Bedarf ist enorm, daher hat die Caritas Ukraine ihr Angebot ausgebaut. Inzwischen unterhält die Caritas sieben soziale Zentren für Kinder und Jugendliche, insbesondere auch für die Kinder von Migrantenfamilien. Die Zentren in  Stryy, Boryslav, Drohobych, Brody, Ivano-Frankivsk, Kolomyja und Novovolynsk tauschen sich untereinander intensiv aus, um die Arbeit zu verbessern. Dabei geht es auch um die Qualifizierung der Mitarbeiter/innen. Die Zentren sind bemüht, eng mit den staatlichen Anlaufstellen und Kommunen zusammenzuarbeiten und aus gemeinsamen und geteilten Erfahrungen zu lernen.

Zwei Straßenkinder in einem ZentrumZwei Straßenkinder in einem ZentrumCaritas international

In den Anlaufstellen können die Kinder und Jugendlichen täglich eine warme Mahlzeit essen, hier gibt es  Hausaufgabenbetreuung und Freizeitaktivitäten, aber auch Beratung bei persönlichen Problemen sowie rechtlichen Beistand bei Konflikten mit der Polizei oder Ämtern. Das Zentrum steht allen offen. Sowohl Straßenkinder, als auch Kinder, die in Krisenfamilien aufwachsen finden hier ein Stück Sicherheit und Normalität.

Behörden und Polizei greifen in der Regel hart durch. Sie weisen vagabundierende und obdachlose Kinder und Jugendliche zwangsweise in staatliche Heime ein. Dadurch hat sich für die Caritas Ukraine der Fokus der Hilfe geändert. Die Sozialarbeiter/innen betreuen heute landesweit in sechs Tageszentren 1.450 Kinder und Jugendliche in Krisensituationen. Kinder, deren Eltern aufgrund von Arbeitslosigkeit und Krankheit in extremer Armut leben, alkohol- und drogenabhängig sind oder sie bei Großeltern zurück gelassen haben, weil sie den Lebensunterhalt der Familie als Arbeitsmigranten im Ausland verdienen.

Viele der von der Caritas Ukraine in den vergangenen zehn Jahren betreuten Straßenkinder, die inzwischen erwachsen sind, haben den Sprung geschafft. Rund 25 bis 30 Prozent von ihnen haben die Schule abgeschlossen und eine feste Arbeit gefunden. Doch die wirtschaftlichen Ausgangsbedingungen in der Ukraine sind hart. Nicht alle bekommen festen Boden unter die Füße. Sie leben zum Teil von Gelegenheitsarbeiten, oft auch von Kleinkriminalität und einige von ihnen weiterhin als Obdachlose auf der Straße.

Mai 2012