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El Salvador: Veränderungen in Politik und Öffentlichkeit bewirken

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Menschen mit Behinderung leiden nicht nur an ihren körperlichen oder geistigen Einschränkungen. Oft wird ihnen durch verschiedene Hürden die Teilnahme am täglichen Leben erschwert. Sei es durch Vorurteile, mangelhafte Gesetze oder fehlende Dienste. In El Salvador sind die Voraussetzungen für eine Integration gegeben, zumindest auf dem Papier. Was fehlt, ist die Umsetzung der gesetzlich festgelegten Rechte und Pflichten. Das kann zu einem "Kampf gegen Windmühlen" werden, wie Abigail Espinoza feststellen musste, als sie ihren körperbehinderten Sohn zur Schule schicken wollte.

Die Elternorganisation „Los Angelitos“ („Die Engelchen“) ändert das. Seit 2004 kämpft sie für die Integration von Menschen mit Behinderung, und Caritas unterstützt sie dabei.

Demonstrierende MenschenPräsenz zeigen, Rechte einfordern und auf Missstände aufmerksam machen - das ist ein wesentlicher Teil der Arbeit von Los Angelitos.Foto: Los Angelitos

Aktiv werden und Rechte einfordern

Durch die Arbeit von „Los Angelitos“ hat sich die Wahrnehmung im Land für Menschen mit Behinderung gewandelt. In den Medien wird die Thematik immer häufiger aufgegriffen und das Netzwerk der Behindertenorganisationen ist deutlich gewachsen. Die Regierung hat positive Veränderungen auf den Weg gebracht, die auf den Bemühungen von „Los Angelitos“ basieren. Genau auf diese Erfolge zielt die Organisation ab. Denn der Fokus der Arbeit liegt nicht auf der Vermittlung von kostenlosen Reha-Maßnahmen. Sie sind nur ein Baustein, ein Anreiz. Hauptsächliches Ziel ist, dass Menschen mit Behinderung und ihre Familien politisch aktiv werden, auf ihre Situation aufmerksam und sich für ihre Rechte selbst stark machen. Denn nur so kann langfristig Einfluss genommen werden.

Begleiten, stärken, sensibilisieren

Mann und Frau in einer BäckereiDank der "Los Angelitos" hat Manuel Dubón eine Arbeit in einer Bäckerei gefunden.Foto: Augusto Vasquez, Caritas international

Damit das gelingt, wird die Organisation von Caritas begleitet und betreut. Neue und bestehende Kontakte zu anderen Institutionen werden aufgenommen und intensiviert. Ein zentrales Thema ist die inklusive Schule. Mit dem Erziehungsministerium wurde eine Zusammenarbeit zur Inklusion vereinbart. Aktuell streben die „Los Angelitos“ und Eltern den Einsatz von Integrationshelfern an den Schulen an. Sie sollen die Lehrer entlasten und so die Inklusion vorantreiben.

Mitgliederversammlungen, Austauschtreffen und Hausbesuche stärken das Netzwerk und den Zusammenhalt. Eltern und Fachkräfte erhalten Weiterbildungen.

"Los Angelitos" haben in ihrer jahrelangen Arbeit die Erfahrung gemacht, dass der direkte Kontakt oft besonders erfolgversprechend ist. So werden Unternehmerfrühstücke organisiert, an denen für Menschen mit Behinderungen in Betrieben geworben wird. Eine Behindertenquote ist gesetzlich festgeschrieben, doch die meisten Firmen kaufen sich von dieser Pflicht frei. Über die Treffen mit Unternehmern konnten neue Beziehungen angebahnt werden. So zum Beispiel für den 36-jährigen Manuel Dubón. Ungeachtet seiner kognitiven Beeinträchtigung arbeitet er seit einiger Zeit für eine Bäckereikette. Für den Vater ist das noch immer unglaublich: „Als wir Angelitos 2004 mit der Arbeit begannen, galten behinderte Kinder vielen noch als Schande.“

Mit Demonstrationen, Veranstaltungen, Pressekonferenzen, Plakaten, Flugblättern, Radio- und TV-Spots erreicht die Organisation die Bevölkerung und Behörden und sensibilisiert sie für die Belange der Menschen mit Behinderung.

Die Betroffenen selbst erhalten über „Los Angelitos“ therapeutische Unterstützung, Schulbegleitungen für schulpflichtige Kinder, Handwerkskurse in eigenen Werkstätten sowie Hilfsmittel wie Rollstühle oder Gehhilfen.

Zur Situation

Gemäß der Weltgesundheitsorganisation haben 13 Prozent der Menschen weltweit eine Behinderung. Davon leben rund 800.000 in El Salvador und das zumeist unter diskriminierenden Bedingungen. Obwohl das Land als einer der ersten Staaten die UN-Behindertenrechtskonvention unterzeichnet hat, sind Menschen mit Behinderung im Alltag permanent benachteiligt. Das defizitäre Gesundheitssystem wird ihnen nicht gerecht, die Behandlungen sind mangelhaft. Es fehlen Einrichtungen und Fachpersonal, Anpassungen an den Infrastrukturen und gesonderte Angebote. Vor allem für Kinder und Jugendliche ist die Situation prekär. Ihnen bleibt die Teilhabe am täglichen Leben verwehrt, ein Großteil geht nicht zur Schule, mitunter verlassen sie nicht mal ihr Haus. Die Gesetzgebung ist fortschrittlich, die Umsetzung der Rechte und Pflichten verläuft jedoch schleppend. Das liegt zum einen an der extrem angespannten wirtschaftlichen und politischen Situation. Aber es braucht auch Beharrlichkeit und stetigen Druck auf Politik und Behörden, um die Änderungen anzustoße. Ein hohes Engagement durch die Zivilbevölkerung ist unerlässlich.

 

November 2018